Schrift Digital

Mit dem Auf­kom­men des digi­ta­len Zeit­al­ters wur­de nicht nur zu neh­mend mehr am Com­pu­ter gestal­tet, son­dern auch gele­sen.
Com­pu­ter­mo­ni­to­re haben eine viel gerin­ge­re Auf­lö­sung als Belich­tungs­sys­te­me für den hoch­wer­ti­gen Off­set­druck. Wäh­rend für den Druck oft bis zu 2400 Punk­te pro Inch (das sind 2400 Punk­te pro 2,54 cm) anein­an­der­ge­reiht wer­den, sind es am Bild­schirm meist nur etwa 72.
Zwar neh­men die Auf­lö­sun­gen der Com­pu­ter­mo­ni­to­re lang­sam zu und wer­den immer fei­ner und das soge­nann­te Anti-alia­sing unter­stützt die Leser­lich­keit am Bild­schirm, den­noch stel­len Bild­schir­me ganz ande­re Anfor­de­run­gen an Schrif­ten als Druck­ma­schi­nen.
Schrif­ten wie eine klas­si­zis­ti­sche Bodo­ni wer­den am Bild­schirm zu einer seri­fen­be­ton­ten Schrift, fei­ne Details und leben­di­ge For­men las­sen sich kaum oder gar nicht dar­stel­len und füh­ren nur zu Unru­he.

Es gibt Schrif­ten, die spe­zi­ell für die Anfor­de­run­gen von Moni­to­ren kon­zi­piert wor­den sind. Die­se soge­nann­ten Bild­schirm­schrif­ten sind jedoch nicht nur wegen der bes­se­ren Leser­lich­keit für Doku­men­te, die pri­mär am Moni­tor gele­sen wer­den, wich­tig.
Wenn Sie ein­mal den Auf­trag erhal­ten, Vor­ga­ben für Doku­men­te zu defi­nie­ren, die auf vie­len ver­schie­de­nen Com­pu­tern ver­teilt wer­den, dann grei­fen Sie am bes­ten auch auf eine der
weit ver­brei­te­ten Bild­schirm­schrif­ten zurück. Wenn die­se Com­pu­ter nicht in ein und der­sel­ben Fir­ma ste­hen, muss man davon aus­ge­hen, dass außer einer Hand­voll Stan­dard­schrift­ar­ten kaum eine Schrift mit aus­rei­chend hoher Wahr­schein­lich­keit vor­han­den ist. Schließ­lich grei­fen Prä­sen­ta­ti­ons­pro­gram­me wie Power­Point eben­so auf die vom Betriebs­sys­tem zur Ver­fü­gung gestell­ten Schrif­ten zu wie Excel und Word. Ist eine Schrift auf einem Sys­tem nicht instal­liert, wird sie gna­den­los durch eine ande­re ersetzt, und das hat – gestal­te­risch betrach­tet – immer fata­le Fol­gen.

Die Ver­füg­bar­keit der Schrif­ten ist natür­lich umso wich­ti­ger, wenn Sie für das Inter­net gestal­ten.
Zwar gibt es seit Jah­ren Bemü­hun­gen jede Schrift für jede Anwen­dung im Inter­net ver­füg­bar zu machen, aber bis­lang ist noch kei­ne Lösung gefun­den, die alle zufrie­den­stellt. Die gän­gi­ge Pra­xis, Text über Pho­to­shop in ein Pixel­bild umzu­wan­deln, ist bes­ten­falls für Über­schrif­ten geeig­net, da Bil­der immer eine erhöh­te Lade­zeit bedeu­ten, der Besu­cher eine Sei­te nicht mehr durch­su­chen und auch nichts her­aus­ko­pie­ren kann und Such­ma­schi­nen die­se Tex­te in der Regel igno­rie­ren – denn Text (viel Text) ist wich­tig, um bei Such­ma­schi­nen wei­ter vor­ne auf­ge­lis­tet zu wer­den.
Im Moment ist für die Schrift­dar­stel­lung ein Kon­zept in der Dis­kus­si­on, bei dem die not­wen­di­gen Schrif­ten nicht mehr auf dem Com­pu­ter des Besu­chers vor­han­den sein müs­sen, son­dern sich auf dem Ser­ver der Inter­net­sei­te instal­lie­ren las­sen und von dort in den Brow­ser des Besu­chers gela­den wer­den. Die Her­stel­ler und Ver­mark­ter von Schrift befürch­ten aller­dings, dass die­se Tech­no­lo­gie der Ver­brei­tung ille­gal ver­viel­fäl­tig­ter Schrif­ten Vor­schub leis­tet. Ob sich die­ser Ansatz nun eta­blie­ren wird, ob man Schrif­ten als Bild ein­bet­tet oder ob man auf die Ado­be-Flash- Tech­no­lo­gie zurück­greift – allem ist ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass die meis­ten Schrif­ten, die nicht spe­zi­ell für die gerin­ge Auf­lö­sung von Moni­to­ren ent­wi­ckelt wur­den, am Bild­schirm nicht beson­ders gut zu lesen sind.

Schwabacher und Fraktur

Noch bis tief ins 20. Jahrhundert hinein waren gebrochene Schriften, wie Schwabacher und Fraktur, vorherrschend auf dem deutschen Buchmarkt, während in der restlichen Welt längst die Antiqua ihren Siegeszug vollendet und ihre gebrochenen Verwandten verdrängt hatte. Erst der Kult der Nazis um die deutsche Schrift versetzte den gebrochenen Schriften, wie man diese Schriftarten auch nennt, in deutschen Landen den Todesstoß.

Inwiefern man irgendeine gebrochene Schriftart als Nazischrift qualifizieren beziehungsweise abqualifizieren darf, ist umstritten.
Zwar waren gebrochene Schriften, wie die »Tannenberg«, zu Beginn der Naziherrschaft tatsächlich die Schrift der Wahl für die Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda, doch in den 1940er Jahren brandmarkte das Regime Schriften wie die Schwabacher als »Judenlettern« und sattelte selbst auf Antiqua um.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dies sei geschehen, weil den Naziherren bewusst wurde, dass mit einem weltweit exotischen Gewächs wie der gebrochenen Schrift kein Weltreich mehr zu machen ist.

Wie das Ganze historisch zu bewerten ist, überlassen wir den Fachleuten. Tatsache ist, dass gebrochene Schriften von den meisten Menschen im deutschen Sprachraum untrennbar mit der Schreckensherrschaft der Nazis assoziiert werden.

Zwar gibt es auf internationalem Parkett in den letzten Jahren eine gewisse Renaissance gebrochener Schriften, und Hip-Hop- und R&B-Künstler schmücken Ihre CD-Cover gern mit den eigenwilligen Lettern , doch eine deutsche Rock- oder Punkband, die Frakturlettern auf ihren Alben führt, würde umgehend in der rechten Ecke eingeordnet, was entsprechende Bands allerdings schon einmal als Provokation nutzen, auch wenn man ihnen keine Nazigesinnung nachsagen kann.