Leserlichkeit und Ästhetik

Oft wird die Vor­herr­schaft der Anti­qua unter ande­rem mit ihrer ver­meint­lich bes­se­ren Leser­lich­keit begrün­det.

Aller­dings ist das eine Begrün­dung, die sich weder be- noch wider­le­gen lässt. Lesen lässt sich immer das Gewohn­te am bes­ten. Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts war das in wei­ten Tei­len der Welt die klas­si­sche Anti­qua mit Seri­fen. Die zu jener Zeit gera­de neu auf­kom­men­den seri­fen­lo­sen Schrif­ten dürf­ten zu Beginn mit ihrer unge­wohn­ten Form den Men­schen das Lesen län­ge­rer Text­pas­sa­gen tat­säch­lich schwe­rer gemacht haben.

Heu­te jedoch ist die Fach­welt geteil­ter Mei­nung, ob nun seri­fen­lo­se Schrif­ten tat­säch­lich schlech­ter leser­lich sein sol­len oder nicht. Ernst zu neh­men­de wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en, die die­se Behaup­tung unter­mau­ern kön­nen, sind mir jedoch nicht bekannt.
Wegen der bes­se­ren Leser­lich­keit des Gewohn­ten ist es auch schwie­rig, zu bewei­sen, dass die Anti­qua der gebro­che­nen Schrift dies­be­züg­lich über­le­gen wäre, denn es gibt heu­te nicht all­zu vie­le Leu­te, die sowohl im Lesen von Anti­qua als auch im Lesen von gebro­che­ner Schrift geübt sind, und des­halb gibt es auch nicht vie­le Men­schen, mit denen man dies­be­züg­lich ver­glei­chen­de Stu­di­en durch­füh­ren könn­te. Die Wahr­heit ist wahr­schein­lich die, dass die grund­sätz­li­che Leser­lich­keit von gebro­che­nen Schrif­ten der Anti­qua nicht nach­ste­hen wür­de, dass es aber bes­ser und weni­ger gut leser­li­che gebro­che­ne Schrif­ten gibt, so wie es bes­ser und weni­ger gut leser­li­che Anti­qua-Schrif­ten und seri­fen­lo­se Schrif­ten gibt.
Ver­sucht man, sich nicht durch die Ver­traut­heit des Gewohn­ten beein­flus­sen zu las­sen, und ver­gleicht man die rein ästhe­ti­sche Qua­li­tät von Anti­qua und gebro­che­ner Schrift, so muss man sich mei­ner Mei­nung nach sogar ein­ge­ste­hen, dass bei gemisch­ter Groß-Klein­schrei­bung Letz­te­re har­mo­ni­scher ist und ästhe­tisch bes­ser funk­tio­niert. Bei der Anti­qua ist die Zusam­men­füh­rung von Ver­sa­li­en (Groß­buch­sta­ben) und Gemei­nen (Klein­buch­sta­ben) in einer Schrift­form nie wirk­lich zufrie­den­stel­lend gelun­gen.